Der schlechte Zustand der Delme sorgt in Delmenhorst weiter für Aufregung. Eine Laboruntersuchung gibt Hinweise auf die Probleme, Ex-Ratsfrau Eva Sassen fordert ein Einschreiten der Landesbehörde.

Tim Schmidt hat seine Wasserprobe an der Wassermühle in Hasbergen entnommen.

Die Delme ist einem schlechten Zustand. Das ist schon lange bekannt, sorgt in Delmenhorst aber wieder für Aufsehen, seitdem der Angler Dietmar Bentien sich mit einem Hilferuf an den niedersächsischen Umweltminister Olaf Lies (SPD) gewandt hat und auch im Umweltausschuss versuchte, die Kommunalpolitik aufzurütteln (wir berichteten). Nicht nur Bentien sieht durch die Vorgabe der EU, die Natur in sogenannten Flora-Fauna-Habitaten (FFH-Gebiete) – zu denen auch die Delme gehört – besser zu schützen, eine neue Dringlichkeit. Zu Wort meldet sich nun auch Eva Sassen, ehemalige Ratsfrau und zuletzt bis 2019 Vorsitzende des Umweltausschusses, und Tim Schmidt. Beide sehen beim Zustand der Delme auch die Delmenhorster Stadtwerkegruppe (SWD) in der Verantwortung.

Schmidt trägt auf seinem Blog wasser-ist-einkostbares-gut.de schon seit langer Zeit Informationen zu Gewässerverunreinigungen in Delmenhorst zusammen. Am 24. September hat Schmidt der Delme eine Wasserprobe entnommen und diese vom Delmenhorster Labor für chemische und mikrobiologische Analytik (Lafu) untersuchen lassen. Schmidt sieht in den Messergebnissen Hinweise, dass an Einleitungsstellen hohe Werte an Ammonium, Phosphat, CSB und Eisen in die Delme gelangen. Seine Bilanz: „Fischbrut und empfindliche Fische können bei solchen Werten in der Delme nicht leben.“

Schmidt hat seine Wasserprobe bewusst an einer Stelle entnommen, wo das Wasser verhältnismäßig klar ist und nicht schon allein durch das bloße Auge die Verschmutzungen auffallen (siehe Foto). Bei den innerhalb eines Gewässers stark variierenden Werten entspricht diese Messung also einem besseren Teil der Delme. Und Schmidt hat sich für die Wassermühle in Hasbergen entschieden. Diese Stelle ist relativ nah an der Einmündung in die Ochtum, die Welse oder die Heidkruger Bäke mit Zuläufen aus dem Osten der Stadt sind hier bereits in die Delme geflossen. So sind in der Wasserprobe Einflüsse aus weiten Teilen von Delmenhorst enthalten.

Hinweise auf Fäkalien

Gary Zörner, Chef des Lafu, konnte in der Probe Bakterien nachweisen, die im Zusammenhang mit Fäkalien stehen. Die Zahl der Fäkalcoliforme lag etwa bei 16.000 pro Liter, in Badeseen liegt der maximal zulässige Wert bei 10.000. „Das ist ein Anzeiger dafür, das auch andere krankheitserregende Keime enthalten sind. Ob die Fäkalien nun von einem Menschen oder einer Kuh stammen, lässt sich aber nicht sagen“, erläutert Zörner. Für besorgniserregend hält er auch die 0,302 Milligramm Phosphat, die pro Liter in der Probe enthalten waren. Dieser Stoff komme insbesondere durch Düngemittel der Landwirtschaft ins Gewässer. „Schon ab 0,01 steigt das Algenwachstum, das dann zu einer Toxinbildung führen kann“, warnt Zörner.

Schmidt besorgt auch der hohe Eisengehalt in der Delme. Dieser wird sichtbar, wenn es zur sogenannten Verockerung kommt. Am alten Wasserwerk in der Graft und am Wasserwerk in Annenheide hat Schmidt Bilder von braun gefärbten Gräben gemacht, in die die Stadtwerke Wasser abführen. „Die Delme ist ein Gewässer erster Ordnung, aber bei Gräben gelten niedrigere Grenzwerte. So wird tonnenweise Eisen eingelassen“, ist sich Schmidt sicher.

Auf Nachfrage betont Britta Fengler, Pressesprecherin der Stadtwerkegruppe, dass sich beide Wasserwerke bei dem abgeleiteten Wasser an die Vorgaben halten: „Es wird wöchentlich gemessen. Der von der Behörde festgelegte Grenzwert von drei Milligramm pro Liter wird kontinuierlich unterschritten.“ Die Brunnen des alten Wasserwerks in der Graft dienen schon lange nicht mehr dazu, Trinkwasser aufzubereiten. Seit Herbst 2011 werden sie genutzt, um die Probleme mit dem Oberflächenwasser in den Griff zu bekommen. Die Stadtwerke dürfen seitdem jährlich bis zu zwei Millionen Kubikmeter Grundwasser fördern und ungenutzt in den Hützeberggraben ableiten. Dieser führt in die kleine Delme.

Eva Sassen, von 2006 bis 2019 mit einem Jahr Unterbrechung Mitglied des Stadtrats und zuletzt Vorsitzende des Umweltausschusses, sieht im Umgang mit den Stadtwerken ein strukturelles Problem: „Die Stadtentwässerung war mal Teil der Verwaltung, wurde dann aber ausgegliedert. Diejenigen, die im Fachdienst Umwelt die Vorgaben machen, sind also ehemalige Kollegen.“ Sie habe sich über Jahre für mehr Transparenz eingesetzt, sei aber immer wieder gegen eine Wand gelaufen. „Da muss sich endlich mal die Obere Wasserbehörde des niedersächsischen Umweltministeriums einschalten“, fordert Sassen. An diesem Punkt ist sie dann wieder bei dem Angler Bentien, der genau das mit seinem Brief an Minister Lies erreichen will.

Von Björn Struß

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