Gift in den vier Wänden | Lafu GmbH

Wildeshausen. Wenn Gary Zörner einen Vortrag über Umweltthemen in seinem Labor für chemische und mikrobiologische Analytik „Lafu“ in Delmenhorst
hält, schließt sich für die mittlerweile meist mehr als 100 Besucher traditionell eine Party mit Musik und Erdbeerbowle an.

Wenn der Diplom-Ingenieur am morgigen Freitag, 19. Mai, ab 18 Uhr erstmals in Wildeshausen zu dem Thema „Achtung giftig! Chemische Belastungen in Gebäuden“ referiert, wird das zwar noch nicht so sein. „Doch daran arbeiten wir dann bei weiteren Vorträgen an der Volkshochschule Wildeshausen noch“,
meinte Zörner gut gelaunt am vergangenen Freitag, als er zusammen mit der Referentin Renate Seyfert den Problemzusammenhang vorstellte, um den es
morgen im Raum 16 der VHS an der Wittekindstraße 9 gehen soll.

Besonders durch Zörners temperament-und humorvolle Vortragsart haben seine Veranstaltungen in Delmenhorst mittlerweile nahezu Kultstatus erreicht. Die Themen, die er dabei aufgreift, betreffen jeden: Denn Zörner erforscht – verkürzt gesagt – Umweltgifte und deren Wechsel- und  Kombinationswirkungen. In Wildeshausen geht es morgen darum, welche Gifte sich in Wohnräumen finden, welche Substanzen sich in ihren Wirkungen potenzieren, wenn sie gemeinsam auftreten, welche politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge es beispielsweise im Bereich Grenzwertfestsetzung
gibt und was man gegen Gifte in den eigenen vier Wänden tun kann.

„Wir bekommen im Institut rund 1500 Anfragen pro Jahr von Menschen, die sich krank fühlen, die unspezifische Beschwerden wie Schlafstörungen, Müdigkeit, Allergien, Schmerzen, Hautprobleme, Kopfschmerzen, Gedächtnisstörungen oder anderehaben und bei denen der Arzt keine Ursache finden kann. Durch detaillierte Messungen der Raumluft und des Hausstaubs können wir feststellen, ob im Gebäude, das der Betroffene bewohnt oder in dem er arbeitet Gifte in schädlicher Konzentration vorhanden sind“, erklärte Zörner.

Im Vortrag wird er verdeutlichen, was in Gebäuden alles krank machen kann – und das ist viel. Seien es Holzschutzmittel, PCB, Weichmacher, Asbest –
das durch sein Vorkommen auch heute noch in Spachtelmasse, Wandputz oder Fliesenkleber wieder in den Fokus geraten ist –, Mineralfasern, Glykole oder
Alkane: Einzeln für sich seien diese Substanzen ab einer gewissen Konzentration schon giftig. Kommen sie zusammen vor, erhöhe sich die Toxizität ins
Vielfache. Zörner berichtete von einem Fall, der dies verdeutlichen sollte: „In einer Region in Norddeutschland gab es gehäuft mysteriöse Todesfälle unter Babys und Kleinkindern. Bei der Autopsie wurde Kupfer aus Kupferleitungen in deren Lebern gefunden, aber nicht so viel, dass es reichen würde, die Kinder umzubringen. Ein biochemisches Institut in Oldenburg fand dann heraus, dass in dem Wasser aus den Leitungen auch Pestizide vorhanden waren. Und die sind mit dem Kupfer eine organische Verbindung eingegangen. Diese Verbindung aus Schwermetall und schwerflüchtigem Stoff hatte die tausendfache toxische Wirkung.“

Weitere plakative Beispiele der Kombiwirkungen werden er und die auf Innenräume spezialisierte Diplom-Ingenieurin Seyfert in ihrem Vortrag morgen beschreiben. In diesem Zusammenhang wird Zörner auch Front machen gegen Grenzwerte: „Die Behörden, die Stoffe zulassen, betrachten diese isoliert und setzen Grenzwerte fest, die nur für den jeweiligen Stoff alleine gelten. Treten sie aber zusammen mit einer anderen, potenziell giftigen Substanz auf, ist die Wirkung um ein Vielfaches höher.“ Derzeit betreut er am „Lafu“ eine Bachelorarbeit eines Studenten, die sich damit beschäftigt, inwieweit sich die Wirkung von Kadmium potenziert, wenn es mit Pestiziden zusammen auftritt.

„Wenn wir zum Arzt gehen, weil es uns schlecht geht, wird der nie fragen: ‘Haben Sie Schadstoffe am Arbeitsplatz?’ Die Umweltfaktoren, die das Immunsystem angreifen, werden ignoriert. Aber sie sind ein großer Faktor und können zur Erbgutschädigung, zu Leber- und Nierenschäden und zu Krebs führen“, sparte er nicht an Gesellschaftskritik. Die Schädlichkeit von Lösungsmitteln in Farben, Lacken und Klebern werde weiterhin unterschätzt und verharmlost. Betroffen seien vor allem die sozial Schwachen, die in billigen, schimmelbefallenen Wohnblöcken mit billigen, schadstoffbelasteten Möbeln wohnen würden. „Das ist ein großes gesellschaftliches Dilemma“, meinte er.

Wer nun ob der ernsten Themen einen deprimierenden, moralinsauren Vortrag erwartet, der kann beruhigt sein. Zörner und Seyfert informieren zwar über die besorgniserregenden Zusammenhänge, tun dies aber auf eine sehr humorvolle, optimistische Art und Weise. „Wir haben eine Abendkasse, Zuhörer können auch spontan kommen“, teilte Manfred Huisinga von der VHS mit. Der Eintritt kostet 9,90 Euro, es gibt einen Kaffee oder Tee zwischendurch. Und das nächste Mal, wenn Zörner nach Wildeshausen kommt, klappt es vielleicht auch mit der Erdbeerbowle.
Von Bettina Pflaum

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