Mikroorganismen auf Einsatzfahrt | Lafu GmbH

Delmenhorster optimieren Anlage auf Fregatte „Hessen“
Von unserer Mitarbeiterin Ute Winsemann

Delmenhorst. Die Sanitärbereiche auf den Fregatten „Hessen“, „Sachsen“ und „Hamburg“ sind konsequent nach Männlein und Weiblein getrennt – erstmals in der Geschichte der Deutschen Marine. Hinterher fließt aber doch wieder alles zusammen. Genau darum hat sich auf der unlängst übergebenen „Hessen“ das Delmenhorster Labor für Chemische und Mikrobiologische Analytik (Lafu) gekümmert. Chef Gary Zörner und Praktikantin Pia Ehrentraut waren drei Tage an Bord, um die schiffseigene Abwasseraufbereitung zu überprüfen und für den „Ernstfall“ zu optimieren. Der besteht darin, die flüssigen Hinterlassenschaften von 240 Männer und Frauen der Besatzung so zu klären, dass sie abgelassen werden können, ohne die Umwelt zu gefährden. Für diese Aufgabe nützliche Erfahrungen bringt Zörner, der sich als Chemielaborant und Ingenieur für Lebensmitteltechnologie mit einer Zusatzqualifikation auf technischen Umweltschutz spezialisiert hat, reichlich mit. So hat er beispielsweise eine Großkläranlage in Russland in Betrieb genommen, war in Nigeria für Trinkwasseraufbereitung zuständig und hat in den Abwassersystemen von Fabriken nach Schwachstellen geforscht. Auch mit einer Schiffskläranlage hat sich der Fachmann nicht zum ersten Mal befasst. Deshalb weiß er auch um deren Besonderheiten. Nicht nur, dass es sich um vergleichsweise kleine Systeme handelt, die entsprechend stark auf geringfügige Veränderungen reagieren. Sondern auch, dass sie extrem unterschiedlich beansprucht werden, je nachdem, ob das Schiff gerade mit Rumpf -besatzung am Kai dümpelt oder monatelang auf Einsatzfahrt ist. Erst dann, wenn es reichlich und halbwegs gleichbleibende Nahrung gibt, kommen auch die Mikroorganismen in der Kläranlage richtig in Fahrt. Deshalb konnten Zörner und Ehrentraut ihre Untersuchungen auch nicht bei einem Hafenaufenthalt anstellen. Stattdessen wurden sie mitsamt einem Vertreter der wehrtechnischen Dienststelle des Bundes sowie je einem Mitarbeiter der Werft und des Kläranlagen-Herstellers per Schnellboot in Wil-helmshaven abgeholt, fuhren mit bis kurz vor Norwegen und wurden schließlich in Emden wieder an Land gesetzt. Jede Stunde füllten die Experten in der Zwischenzeit ihre Probeflaschen. Mit noch ungeklärten Fäkalien aus dem Sammeltank, Gemischen aus der Zwischenstufe und den Ergebnissen am anderen Ende der Leitung. Einige wichtige Größen, die Auskunft über den Ablauf des Klärprozesses geben – etwa ph-Wert, Sauerstoffgehalt oder Schlammvolumen – wurden sofort überprüft. Je nach Befund wurde dann beispielsweise die Sauerstoffzufuhr verändert, so dass sich etwa bestimmte Bakterienarten, die diese oder jene Stoffe verrzehren, wohler oder weniger wohl fühlen. Am Ende der drei Tage stimmten nicht nur die an Bord ermittelten Zahlen, sondern auch die weitergehenden Analysen im heimischen Labor, von Keimen bis zu Stickstoff, waren in Ordnung. Damit das so bleibt, hat Zörner den Nordseewerken Emden ein dickes Gutachten abgeliefert. Es informiert außer über die festgestellten Werte auch über die Abläufe innerhalb der Anlage, unterschiedliche äußere und innere Faktoren sowie deren Auswirkungen und nicht zuletzt über Einflussmöglichkeiten bei der Steuerung. Der Auftraggeber war’s zufrieden und bescheinigte, das Gutachten „könnte sicher als Vorlage für manches Lehrbuch dienen“. Das hilft auch dem Bundeswehrpersonal, das die Kläranlage künftig bedienen muss. Zu einem umfassenden Umweltmanagement gehört aus Zörners Sicht allerdings nicht nur angemessene Information der Spezialisten, sondern aller Besatzungsmitglieder. Denn jedem Einzelnen müsse klar sein, dass etwa ins Klo gespülte Medikamente oder in den Ausguss geschüttete Reste von Farben oder Lösungsmitteln bestenfalls „nur“ Schadstoffe ins Wasser bringen, schlimmstenfalls aber das sensible Zusammenspiel der Mikroorganismen zum Umkippen bringen und damit auch die Aufbereitung der sonst weniger problematischen Abwässer stören. Was für jede Kläranlage gilt, im Kleinen aber umso leichter passieren kann. Egal, ob die Verursacher im Männeroder im Frauentrakt zu finden sind.

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