Sherlock Holmes der Umwelt | Lafu GmbH

Der 63-jährige Diplom-Ingenieur war bereits in zahlreichen Fernsehsendungen zu sehen. „Sherlock Holmes of the Environment“ wurde er genannt, als er im Ausland im Einsatz war. Gary Zörner möchte aufklären über die krankmachenden Stoffe, die in Baumaterialien und Mö- beln, aber auch in Lebensmitteln stecken.

Herr Zörner, können Sie Ihren Kaffee genießen oder denken Sie an die Schadstoffe, die darin enthalten sein könnten?

Ich trinke sehr gerne Kaffee, aber ich bin dafür, Bio-Kaffee zu kaufen, der aus fairem Handel sein sollte. Besonders guter Kaffee kommt aus den Blue Mountains auf Jamaika. Ich bin dort in den Bergen gewandert und habe auf einer Kaffeeplantage frischen Kaffee getrunken, der gerade erst geröstet und gekocht worden war. Das ist der beste Kaffee der Welt!

Bei der Arbeit in Ihrem Institut geht es aber nicht um so appetitliche Dinge wie frisch aufgebrühten Kaffee. Sie sind Diplom-Ingenieurfür Lebensmitteltechnologie, beschäftigen sich aber intensiv mit Wohngiften. Wie ist es dazu gekommen?

Ich bin gelernter Chemielaborant und habe mich auch schon immer für Mikrobiologie interessiert. Während des Studiums in Berlin habe ich mich kritisch mit chemischen und mikrobiologischen Belastungen beschäftigt. Es gab Studien, die bewiesen, dass bestimmte Stoffe krebserregend sind. Doch das wurde erst Jahrzehnte später zugegeben. Pharma-, Chemie- und Agrarindustrie haben einen großen Einfluss auf die Politik und machen viel Lobbyarbeit. Schon in den Zwanzigerjahren haben die Lebensversicherungen in den USA niemanden mehr versichert, der in der Asbestindustrie gearbeitet hat. Doch bei uns hat der Deutsche Bundestag noch Anfang der Achtzigerjahre gegen ein Asbestverbot gestimmt. Zigtausende von Menschen sind an Asbestose gestorben. Noch heute wird eine Asbesterkrankung überwiegend nicht als Berufskrankheit anerkannt. Die Erkrankten müssen nachweisen, wo sie vor 20 oder 30 Jahren mit Asbest belastet waren, aber dies ist gar nicht möglich.

Um Asbest geht es auch in einem Vortrag, den Sie am Freitag, 20. Mai, um 18 Uhr in der Volkshochschule in Delmenhorst organisieren. Ist die Belastung mit Asbest denn immer noch ein großes Thema?

Die Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF) und der Berufsverband deutscher Baubiologen (VDB), denen wir angehören, haben dazu beigetragen, bekannt zu machen, dass Asbest in allen möglichen Baumaterialien enthalten ist. Asbest befindet sich in Putz, Spachtelmasse, Fliesenkleber, Fußbodenaufbauten und so weiter. Manchmal sind ganze Flä- chen mit asbesthaltigem Putz versehen. Wenn ich dort eine Tapete abreiße, setze ich Milliarden von asbesthaltigen Fasern frei. Rund 40 Millionen Wohnungen in Deutschland sind mit Asbest belastet.

Wie kann man herausfinden, ob das auch auf die eigenen Räume zutrifft?

Bevor man saniert, sollte man eine innenraumhygienische Inspektion durchführen lassen. Wir machen das seit 23 Jahren. Häufig machen wir Gutachten, bevor Gebäude abgerissen oder saniert werden, damit besonders belastete Bereiche gesondert ausgebaut und effektiv entsorgt werden können.

Welche Schadstoffe würden Sie noch als besonders gefährlich einstufen?

Schimmelpilze. Sie sind Chemiefabriken, die krankmachende Toxine produzieren, und wachsen dort, wo Feuchtigkeit ist. Oft setzt man Chemie und Desinfektionsmittel gegen Schimmel ein. Doch mit Schimmelpilz befallenes Material muss grundsätzlich unter Einhaltung entsprechender Sicherheitsbedingungen entfernt werden, so dass der Einsatz von Anti-Schimmel-Mitteln nicht notwendig ist. Wenn man nicht alles entfernt, können auch aus den abgestorbenen Schimmelpilz-Strukturen noch Toxine und Allergene entweichen und zu erheblichen gesundheitlichen Auswirkungen führen.

Welche Krankheiten kann Schimmel verursachen?

Allergien, Infektionen, Geruchsbeeinträchtigungen und toxische Wirkungen. Die Toxine können unter anderem Krebs und Alzheimer auslösen. Nur für Schimmelpilz-Sanierung zertifizierte Fachfirmen dürfen die Arbeiten ausführen. Auch die Ursache für die Feuchtigkeit, die der Schimmel zum Wachsen benötigt, muss beseitigt werden. Wenn eine kompetente Entfernung vorgenommen wurde, sind Mittel wie Schimmel-Ex völlig überflüssig. Schimmel wird als genauso krankmachend eingeschätzt wie Asbest.

Gibt es noch andere Wohngifte, mit denen Sie es häufig zutun haben?

Auch Lösungsmittel wie Formaldehyd sind in zahlreichen Materialien enthalten. Zum Beispiel in Pressspan- und OSB-Platten, eigentlich in den meisten Holzprodukten, die nicht naturbelassen sind. Es ist das am weitesten verbreitete Gift in Innenräumen. Auch Holzschutzmittel sind besonders giftig, insbesondere chlorierte Verbindungen wie Pentachlorphenol (PCP), weil sie produktionsbedingt Dioxin enthalten. Darüber hinaus gibt es hormonell wirksame Substanzen wie Weichmacher. Sie finden sich unter anderem in PVC. Kleinste Mengen können schlimmste Schäden verursachen. Es gibt eine Vielzahl weiterer Belastungen, darunter auch Flammschutzmittel und Nanopartikel.

Wir haben uns an zwei Forschungsprojekten der AGÖF beteiligt, wo einmal 300 000 und einmal 700 000 Stoffe in Innenräumen untersucht und in einer Datenbank erfasst wurden. Ein Problem ist, dass viele Häuser energetisch dicht gemacht wurden, weil man Energie sparen wollte. Dadurch sind die Luftwechselraten in den Gebäuden schlecht, Wohngifte reichern sich an, und die Luftfeuchtigkeit kann nicht mehr raus.

Wie lässt sich feststellen, dass Wohngifte die Ursache für Krankheiten sind?

Die Betroffenen haben Beschwerden wie zum Beispiel Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit oder Nervenschädigungen, wissen aber nicht, warum. Zu uns kommen Menschen, die krank und oft jahrelang in ärztlicher Behandlung sind. Viele Ärzte fragen aber nicht, ob sie Schimmel oder Schadstoffe zu Hause oder am Arbeitsplatz haben. Der Zusammenhang wird nicht hergestellt. Leider werden wir oft zu spät gerufen. Wir haben eine Schule untersucht, in der sechs von 30 Lehrern an Leberkrebs erkrankt waren. Die Ursache waren Polychlorierte Biphenyle (PCBs). Wir konnten das Gift in einer Riesenmenge in der Luft und in den Stäuben nachweisen. Die Quelle war eine Dichtungsmasse in den Fugen.

Wie lässt sich herausfinden, dass die Luft zu Hause oder am Arbeitsplatz belastet ist? Sind giftige Stoffe am Geruch zu erkennen?

Bei Vortragsveranstaltungen reiche ich oft Flaschen mit verschiedenen Baumaterialien herum. Ein Teilnehmer hat daran gerochen und gesagt, dass er den Geruch zu Hause auch hat. Tatsächlich konnten wir in seiner Wohnung Holzschutzmittel nachweisen. In unserem Team haben wir sechs zertifizierte Geruchsprüfer, die manchmal schon anhand der Gerüche in der Raumluft erkennen, welche Schadstoffgruppen da sein könnten. Doch der größte Teil der hochgiftigen Substanzen riecht nicht.

Kommen Menschen zu Ihnen, weil sie die Vermutung haben, dass ihre Räume belastet sein könnten?

Im Jahr haben wir rund 1500 Anfragen, meist von Menschen, die krank sind, aber nicht wissen, woher die Erkrankung kommt. Wir arbeiten aber auch für Versicherungen, Industriebetriebe und Behörden oder die Kripo, wenn es um Umweltdelikte geht. Unser Team, zu dem zehn Mitarbeiter gehören, erstellt rund 150 Gutachten im Jahr. Zu den Problemlösungen, die bei uns angefragt werden, gehören auch Inspektionen vor Ort mit Probennahmen und Analysen im Labor. Außerdem geben wir Handlungs- und Sanierungsempfehlungen.

Darüber hinaus laden Sie regelmäßig zu Vorträgen ein.

Wir machen viel, um aufzuklären. Wir wollen bewusst machen, dass unsichtbare Gefahren da sind. Die Umweltbelastungen werden mehr, doch es gibt Interessengruppen, die an Chemikalien verdienen, zum Beispiel an Pestiziden für die Landwirtschaft. Ich fordere eine Beweislastumkehr. Das bedeutet, dass Unternehmen zunächst beweisen müssen, dass eine Chemikalie ungefährlich ist, bevor sie auf den Markt kommt. Ich kritisiere auch die Haltung der großen Koalition zum Freihandelsabkommen TTIP. TTIP würde einem Riesenteil an Belastungen für Umwelt und Gesundheit die Tür öffnen. Selbst die zu laschen Regularien und Grenzwerte würden einfach weggehauen. Vieles, was hier schon verboten ist, würde wieder reinkommen.

Sie beschäftigen sich täglich mit Gesundheitsgefahren, die Gifte und Schadstoffe mit sich bringen. Wie schaffen Sie es, sich selbst nicht verrückt zu machen?

Es macht mich im Innern glücklich, etwas für Mensch und Umwelt zu tun und etwas zu machen, wozu ich stehen kann. Ich versuche, positiv in der Gesellschaft zu wirken und etwas zu verändern, damit die Belastungen weniger werden.

Deshalb besuchen sie häufig auch Tagungen und Kongresse. Aber was tun Sie, wenn Sie in einem Hotelzimmer übernachten müssen, über dessen Belastung mit Schadstoffen Sie nichts wissen?

Wenn ich mich überall aufregen würde, wo ich mich aufhalte, würde mir das gar nicht gut tun. Im Hotelzimmer ziehe ich erst mal den Stecker der Lampe neben dem Bett, um die Belastung mit Elektrosmog zu verringern. Dann reiße ich das Fenster auf, um die Belastungen in der Raumluft zu minimieren. Und wenn ich dusche, lasse ich das Warmwasser eine Weile laufen, weil im stehenden, warmen Wasser in den Leitungen Legionellen sein könnten. Ansonsten lebe ich nach dem Motto: Je weniger Belastungen, desto mehr Lebensfreude.

Stichwort Lebensfreude: Tragen dazu auch die legendären Partys in Ihrem Labor auf der Nordwolle in Delmenhorst bei?

Unsere Partys sind berühmt und berüchtigt! Wir machen sie auch nach unseren Vorträgen in der Volkshochschule. Es gibt Bio-Erdbeerbowle, und wir bauen auf unserem Flur eine große Anlage auf. Außerdem lassen wir uns verrückte Effekte einfallen. Ich erzeuge zum Beispiel über mehrere Beamer Schneetreiben, lasse Konfetti herunterregnen und spiele dazu „Snow“ von den „Red Hot Chili Peppers“. Nach einer halben Stunde tanzen die Ersten, und wir haben richtig Stimmung bis tief in die Nacht.

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