Vom Zuckerwürfel im Tankschiff | Lafu GmbH

Delmenhorster Labor an den AGÖF-Orientierungswerten für Schadstoffe beteiligt

Von Nicole Baumann

Die Orientierungswerte der Arbeitsgemeinschaft ökologischer Forschungsinstitute (AGÖF) werden vom Bundesumweltministerium unterstützt. Lafu aus Delmenhorst wurde nach AGÖF-Qualitätsrichtlinien zertifiziert und hat die Kompetenz, Probenahmen, Untersuchungen und Gutachten durchzuführen.

Für Schadstoffe im Innenraum gibt es bisher noch keine gesetzlichen Grenzwerte. Dennoch kann das eigene Zuhause krank machen. Ein Beispiel dafür: Eine Einbauküche aus Pressspan ist schon bei normalen Bedingungen ein Problem, bei intensiver Nutzung und feuchter Raumluft kann sich aber ein Vielfaches an Formaldehyd absondern. Dass bei einer Formaldehydmessung die Feuchtigkeit in der Raumluft eine Rolle spiele, könne nur ein Fachmann wissen, so Gary Zörner, Chef des hiesigen Nordwolle-Labors für chemische und mikrobiologische Analytik (Lafu). „Die AGÖF-Werte sollen dem Sachverständigen ein Werkzeug in die Hand geben, um die Relevanz von Innenraumschadstoffen besser vergleichen und interpretieren zu können“, erklärt der Wissenschaftler und fügt hinzu: „Rund 10 Mikrogramm pro Kubikmeter Formaldehyd entspricht der Größe von etwa zehn Stück Würfelzucker in einem Tankschiff. Diese geringe Menge kann bereits Augenbrennen auslösen.“ Das Reizgas Formaldehyd besitze aber auch krebserzeugendes Potenzial. Hinzu komme, dass sich die Zusammensetzung des Schadstoffgemisches im Innenraum – nicht nur durch beispielsweise neue Baustoffe – stetig ändere.

Ebenso sei eine Kombinationswirkung unterschiedlicher Schadstoffe meist noch 1.000 – mal verheerender. „Ein gutes Beispiel dafür sind Organo-Schwermetallverbindungen. Festgestellt wurden diese unter anderem mal nach mysteriösen Todesfällen bei Babys aus einer ländlichen Region. Das Brunnenwasser war sauer und hat das Kupfer aus den Kupferleitungen herausgelöst. Mit den im Brunnenwasser enthaltenen Pestiziden aus der Landwirtschaft hat sich aus diesen beiden Stoffen ein megagiftiges Molekül gebildet“, erläutert der Lafu-Chef. Ebenso sei es bei Blei-Kombinationen mit organischen Stoffen. Aber auch bei der Herstellung vieler Alltagsgegenstände seien bedenklich – gefährliche Kombinationen festzustellen.

Um Verbraucher zu schützen hätten sich Wissenschaftler sogar auf EU-Ebene für die Reach-Verordnung eingesetzt. Dabei handle es sich um die Registrierung, Bewertung und Zulassung chemischer Stoffe. „Das, was die EU-Parlamentarier jedoch Mitte November beschlossen haben, ist eine enorm abgeschwächte Form der ursprünglichen Forderung“,bedauert Gary Zörner. Es sei vielmehr eine Entscheidung zugunsten der Industrie getroffen worden, die noch nicht einmal für Importe gelte und rund 90 Prozent der schädlichen Stoffe außer Acht lasse, die in das Regelwerk hätten aufgenommen werden müssen.

Dennoch: die Experten kommen immer häufiger zu Wort. Und im Rahmen einer AGÖF-Tagung in Bremen lobte Dr. Uwe Lahl, Ministerialdirektor im Bundesministerium für Umwelt, in seinen Ausführungen die AGÖF-Werte. „Meist wird die Innenraumluft nur dann von Behörden oder Gutachtern untersucht, wenn bereits konkrete Beschwerden vorliegen. Die AGÖF hat dazu dankenswerterweise ihre über zehn Jahre gesammelten Erfahrungen zusammengetragen und die erfassten Messdaten aus solchen Untersuchungen zu Orientierungswerten verdichtet.“ – Vor rund vier Wochen wurde der AGÖF ein einjähriges Forschungsprojekt in Höhe von 120.000 Euro für Arbeiten im Bereich von Innenraumbelastungen bewilligt. Von dem Geld profitiert auch Lafu aus Delmenhorst.

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