Ann-Kathrin Seiz und Gary Zörner sprechen darüber, wie Chemiekonzerne krank machen können

Gary Zörner (links) und Ann-Kathrin Seiz mit Untersuchungen zu ihrem 26. Vortrag an der VHS.

Delmenhorst. Es ist bereits der 26. Vortrag, den das „Labor für chemische und mikrobiologische Analytik“ (Lafu) mit der Volkshochschule (VHS) Delmenhorst gemeinsam veranstaltet. Bei den vorangegangenen Themen ging es schon um die Belastung von Nahrung, Gebäuden oder Wasser durch Chemikalien. In der aktuellen Präsentation stellt Ann-Kathrin Seiz, Leiterin des Themengebiets Wasser am Lafu, zusammen mit Institutsgründer und Geschäftsführer Gary Zörner vor, wie krank Chemikalien die Menschen machen können. „Die Chemikalien, um die es in dem Vortrag geht, werden ausschließlich von der Industrie in die Umwelt geleitet“, sagt Zörner.

Es ist dringend

Neueste Untersuchungen zum globalen Verschmutzungsgrad ergaben laut Lafu, dass die Stabilität planetarer Ökosysteme bedroht sei. „Die Grenze ist sogar deutlich weiter überschritten als beim Klimawandel“, warnt Seiz. Der Grad der Verschmutzung sorge bereits jetzt für 10.000 Jahre instabile Umweltbedingungen, geht aus einer Studie hervor. Eine besonders große Rolle spielten dabei Pestizide, Plastik und Antibiotika. Laut Lafu besteht ein dringender Handlungsbedarf. Auf Umweltverschmutzung könne man 16 Prozent aller Todesfälle weltweit und ein Viertel aller Krankheiten weltweit zurückführen, geht aus dem Vortrag hervor. Damit ist Umweltverschmutzung für mehr Todesfälle verantwortlich als Rauchen. Die Symptome seien dabei meist neurologisch. „Auch ein Grund dafür, dass Umweltkrankheiten nicht gut erforscht sind“, sagt Seiz. Von solchen Erkrankungen betroffen seien vor allem Mittel- und Niedriglohnländer – 90 Prozent der Todesfälle teilen sich auf diese Länder auf. Aber auch in großen Teilen Europas hätte die Verschmutzung verheerende Folgen auf die Gesundheit.

Das Robert-Koch-Institut bemängele die Anzahl von Einrichtungen zur Diagnostik von Umweltkrankheiten, heißt es in der Präsentation. Es gebe massive Informationsdefizite in diesem Bereich, und die Länder seien nicht ausreichend abgedeckt, um der Nachfrage und den Anforderungen nachzukommen. Denn die Diagnose sei oft nur durch spezialisierte Mediziner möglich. „Umwelterkrankungen sind schleichende Erkrankungen, es gibt nur selten einen klaren Auslöser“, so Seiz. Auch sei der Verlauf unspezifisch. „Es kommt dabei sehr auf die Person an. Oft würden Betroffene als Hypochonder abgetan. Menschen, die an einer Immunschwäche leiden, trifft es bedeutend härter und öfter“, führt Seiz aus. In den seltensten Fällen sei die Dosis hoch, aber dieser dauerhaft ausgesetzt zu sein, sei das Gefährliche. Krankheiten wie Krebs würden unter anderem dadurch ausbrechen.

Viele Baustellen

„Eine große Problematik, die wenig beachtet wird, sind Kombinationsbindungen*“, erläutert Seiz. „Bei diesen sind beide oder mehrere Stoffe vereinzelt zwar zugelassen, die Gefahr der Verbindung wurde aber nie überprüft“, so Seiz. Auch gebe es kaum wissenschaftliche Studien, die solche Verbindungen untersuchen würden. Die Verordnung „Reach“ zur Zulassung und Beschränkung von Chemikalien würde diese Verbindung überhaupt nicht beachten. Von diesen geht laut Seiz und Zörner aber eine große Gefahr aus. Die Chemiekombinationen könnten sich unvorhersehbar in ihrer Schädlichkeit potenzieren. „Das gilt generell für alle Stoffe, die wir aufnehmen. Ein Pestizid kann in Kombination mit einer Chemikalie, beispielsweise in einer Plastikflasche, deutlich gefährlicher sein als allein“, so Zörner. So würden auch Grenzwerte einzelner Stoffe übergangen werden. Exportketten, bei denen zunächst ein in Europa verbotenes Pestizid beispielsweise nach Brasilien exportiert wird, dann mit dem von dort importierten Gemüse und Obst aber zurück nach Europa kommt, sind laut Seiz ein riesengroßes Problem.

Es gibt Hoffnung

„Es gibt aber auch Hoffnung“, merkt Seiz an. Das Bewusstsein wachse, und der „Europäische Green Deal“ könnte mit einem Verbot von ganzen Chemikaliengruppen und nicht nur von einzelnen Chemikalien dabei helfen. Auch könnten dadurch Verbraucherprodukte stärker kontrolliert werden. Bis die Politik und vor allem die Industrie aufgewacht seien und nicht mehr den Wert des Geldes über Menschenleben stellen würden, könne man selber nur an kleinen Schrauben drehen, so Seiz. „Keine Plastikflaschen und biologische Produkte kaufen, hilft im eigenen Haushalt auf jeden Fall – gegebenenfalls ist die Wandfarbe frei von gefährlichen Chemikalien“, sagt Zörner. Die Verantwortung, dass in Haushalten keine gesundheitsgefährdenden Substanzen sind, müsse aber eigentlich die Politik tragen.

INFO
Den ausführlichen Vortrag zu Krankheiten, Maßnahmen und Ursachen halten Ann-Kathrin Seiz und Gary Zörner am Freitag, 1. Juli, um 18 Uhr als hybride Veranstaltung. Der Vortrag in Präsenz wird unter 2G-Regel in der Volkshochschule (VHS), Am Turbinenhaus 11, angeboten. Es gibt aber auch ein digitales Angebot. Anmeldungen für beide Formate sind bei der VHS per Telefon unter der Rufnummer 0 42 21 / 98 18 00 möglich. Der Eintritt beträgt neun Euro.

Emil Stock

 

*Anmerkung: Im Artikel wird der Begriff Kombinationsverbindungen verwendet, korrekt wäre aber Kombinationswirkungen

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