Warum der Kampf gegen Alltagsgifte eine Lobby braucht | Lafu GmbH

Wildeshausen. Auf eine Reise zur Wahrnehmung von Vorkommen krank machender Schadstoffe einschließlich der Betrachtung gesellschaftlich-politischer Hintergründe hat sich am Freitagabend in der VHS Wildeshausen Gary Zörner, Geschäftsführer des Delmenhorster Labors für chemische und mikrobiologische Analytik (Lafu), mit Zuhörern begeben, die seinem Vortrag über „Gifte in Innenräumen“ lauschten.

Häufig würden Gefahren wissentlich heruntergespielt – so lange, bis die Täuschung nicht mehr fortgeführt werden könne, konstatierte er. Für viele Betroffene sei es dann oft zu spät. Als Beispiel nannte der Laborleiter hochgradig krebserregende Asbestfasern. „Pharma-, Chemie- und Argrarindustrie haben einen großen Einfluss auf die Politik und machen viel Lobbyarbeit“, so Zörner. Schon in den 20er-Jahren hätten die Lebensversicherungen in den USA niemanden mehr versichert, der in der Asbestindustrie gearbeitet habe.

„Parteien wie die CDU, SPD und FDP hatten bei uns aber noch in den 80er-Jahren nichts Besseres zu tun, als im Bundestag gegen ein Asbestverbot zu stimmen“, kritisierte der Referent. Trotz einer ganzen Reihe solcher alarmierender Botschaften legte er seinem Publikum ans Herz, positiv an das Thema heranzugehen. „Es gibt Lebensqualität zu gewinnen“, verdeutlichte er. Ein Ziel des Lafu sei es, das sichtbar zu machen, was unsichtbar sei und krank mache.

„Uns erreichen im Jahr 1500 Anfragen von Menschen, die krank sind und herausfinden möchten, warum“, erläuterte Zörner. Oft ließen sich Schadstoffe als Ursachen feststellen. Ein Arzt werde jedoch nicht unbedingt danach fragen, „ob Wohnraum oder Arbeitsplatz damit belastet sein könnten“.

Das Fach Umweltmedizin tauche im Medizinstudium selten auf, was durchaus gewollt sei. In diesem Zusammenhang brachte Zörner einen Nabu-Bericht über die Schließung des unabhängigen Instituts für Toxikologie an der Kieler Universität ein. Ähnliche Schließungen gab es in vielen Bundesländern.

Zörners Befürchtung: Setze sich dieser Trend fort, liege die Forschung über Umweltgifte und deren Bewertung bald allein in der Hand der Konzerne; in deren Interesse liege aber natürlich die weitere Vermarktung ihrer mit Schadstoffen belasteten Produkte. Der Lafu-Chef verdeutlichte das mitunter fatale Wirken verschiedener Schadstoffe in Kombination: „Bei einer bestimmten Menge Quecksilber starb eine von hundert Mäusen. Bei einer bestimmten Menge Blei war es ebenfalls eine von hundert. Doch gab man die gleichen Mengen Quecksilber und Blei in Kombination, starben alle hundert Mäuse.“

Als weitere Referentin informierte die Diplom-Ingenieurin Renate Seyfert über Forschungsergebnisse zur Schadstoffanreicherung und Raumluftqualität in energieeffizient gedämmten Gebäuden. „Eine gute Energieeffizienz und eine gute Raumluftqualität schließen sich nicht gegenseitig aus“, betonte sie.

Doch es gelte, genau hinzusehen. Bei der Installation von raumlufttechnischen Anlagen, etwa für große Gebäudekomplexe, aber auch für Wohnräume, würden oft gravierende Fehler zum Nachteil einer guten Raumluftqualität gemacht. Seyfert riet, vor einer Altbausanierung eine genaue Prüfung auf mögliche Schadstoffquellen vornehmen zu lassen. Denn werde nachgedämmt, könnten solche vorhandenen Quellen plötzlich stärker wirksam werden. Dann könnten sich Schadstoffe in hoher Konzentration im Innenraum anreichern. Es gebe durchaus auch schadstoffarme Systeme; die Umsetzung sei das Problem: Alle beteiligten Akteure müssten daran mitarbeiten.

Zörner beschrieb durch Umweltgifte hervorgerufene Krankheiten, darunter die „Multiple Chemische Sensivität“. Zuweilen könnten es MCS-Betroffene wegen dieser durch Schadstoffe hervorgerufenen Überempfindlichkeit nicht mehr in Räumen aushalten. „Normale“ Ärzte könnten kaum helfen. Statt Ursachen zu ergründen und zu beseitigen, würden immer mehr Medikamente mit verschiedenen Nebenwirkungen verschrieben. Gleichzeitig zahle die Krankenkasse keine Konsultation eines spezialisierten Umweltmediziners. Oft würden solche Krankheitsbilder „psychologisiert“ – als psychosomatisch abgestempelt.

Deutlich wurde im Verlauf des Vortrags, dass die Vermeidung und Reduzierung von Schadstoffen eine Lobby braucht. Mit dem Wissen um die unsichtbaren Krankmacher und dem bewussten Hinschauen auf mögliche Gefahren könne der einzelne Mensch aber durchaus Schadstoffquellen beseitigen oder zumindest auf sie hinweisen.

Zörner gab seinen Gästen ein Zitat von Hans Scholl mit auf den Weg: „Nicht: Es muss etwas geschehen. Sondern: Ich muss etwas tun.“

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